Übersetzte Fachartikel zur Pseudo-Trioden-Verzerrung von Viktor Kempf, AMT-Electronics

Warum sich „röhrenmäßig“ nicht mit „echter Röhre“ messen kann

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Von Viktor Kempf, AMT-Electronics (https://amtelectronics.com)

Vorwort

Wenn es um den Gitarren­sound geht, stehen die Fragen der Klang­formung durch Ver­stärkung und Begrenzung im Vor­der­grund.  Traditionell wird davon aus­ge­gangen, dass nur die röhren­bedingte Begrenzung in der Lage ist, dem Gitarren­signal jene spezifische Qua­li­tät zu ver­leihen, die von Gitarristen und Gitarren­musik­fans so verehrt wird.  Ziel dieses Artikels ist es, die grund­legenden Unter­schiede zwischen der trioden­basierten Begrenzung und allen anderen Begrenzungen auf­zu­zeigen. 

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Trioden­basierte Begrenzung

Zunächst einmal wollen wir uns ansehen, wie die Trioden­be­grenzung funktioniert.  Zur De­mon­stration benötigen wir eine gängige Röhre 12AX7, die durch eine Sinus­spannung ±20 V Amplitude an­ge­steuert wird. 

Die obere Halb­welle wird durch auf dem Spannungs­niveau UК begrenzt (UК – Spannung an der Kathode gegen „Masse“).  Wenn die Gitter­spannung ansteigt, fließt der Strom zwischen dem Gitter und der Kathode.  Auf diese Weise kann die Triode als eine Vakuum­diode be­trach­tet werden, die von der Eingangs­seite her zwischen Gitter und Kathode geschaltet ist (Abb. 1). 

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Abb. 1:  Durch die Triode ver­ursachte positive Halb­wellen­begrenzung am Gitter (UK = 1,8 V). 

Dieses Phänomen ist nicht meine Ent­deckung, denn es ist schon seit langem bekannt.  Bei einem Kathoden­wider­stand von 1 … 3 kΩ, wie er für 12AX7 üblich ist, beträgt der Pegel der oberen Halb­wellen­signal­be­gren­zung etwa 2 V. 

Das Anoden­signal ist das invertierte und um den Spannungs­verstärkungs­faktor der Stufe KU ver­stärkte Signal der Eingangs­stufe (Abb. 2). 

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Abb. 2:  Typische Ver­stärker­stufe mit einer Triode 12AX7

Die Spannungs­verstärkung der Stufe: 

\( \begin{equation} K_{\textrm{U}} = S \cdot{} (R_{\textrm{A}}\,||\,r_{\textrm{A}}\,||\,R_{\textrm{H}})~~~\textrm{mit}~~~ r_{\textrm{A}} = \mathit{µ} × S \tag{1}\end{equation} \)

m – Ver­stärkung der Trioden­spannung;
S – Steil­heit des Arbeits­punktes;
RA – Wider­stand im Anoden­kreis;
rA – dynamischer Anoden­wider­stand;
RН – Last­wider­stand (Н steht ver­mut­lich für ноша – Last). 

KU wird haupt­sächlich durch den Innen­wider­stand der Röhre rA bestimmt, der normaler­weise 50 … 60 kΩ beträgt.  In Ab­wesen­heit einer Last beträgt die Stufen­ver­stärkung des 12AX7 etwa 65.  Betrachten wir das Ausgangs­signal in Bezug auf die beiden Halb­wellen.  Das einzige, was die Röhre tun kann, um eine maximale Aus­len­kung der oberen Halb­welle zu erreichen, besteht, voll­ständig zu sperren.  In diesem Fall wird das Maximum der positiven Halb­welle am Ausgang durch das Ver­hält­nis zwischen RA und RН bestimmt, die einen ein­fachen Spannungs­teiler bilden.  In Ab­wesen­heit der Last erreicht die obere Halb­welle +340 V.  Bei angelegter Last (z. B.  200 kΩ) erreicht die obere Halb­welle nur +280 V.  Als Ergebnis erhalten wir das in Ab­bil­dung 3 dargestellte Signal (die Steigung der Signal­spitzen wird durch die Ladungs­vorgänge am Koppel­konden­sator CН bestimmt und hängt von dessen Kapazität ab). 

Fotografie OszillogrammFotografie Oszillogramm

Abb. 3:  Das Oszillo­gramm des realen Signals an der Anode (50 V / Teilung).  (Oszillo­gramm und Foto: AMT-Electronics). 

Die untere Halb­welle in dieser Ab­bil­dung ist nichts anderes als die begrenzte positive Eingangs­halbwelle, die KU-fach ver­stärkt wurde.  Da die „Eingangs­diode“ der Röhre die positive Halb­welle am Eingang um 2 V begrenzt, zeigt sich an der Anode die untere Halb­welle des Ausgangs­signals mit einer charak­teris­tischen „Dioden“-Rundung (in diesem Fall ist KU = 55, und das Signal wird bei 220 − 2 V ⋅ 55 = 110 V „gerundet“; siehe Abb. 3)

Der Ausgang der Röhren­stufe begrenzt also tat­säch­lich nur die obere Halb­welle. 

Warum klingen die Begrenzer (Anmerkung Übersetzer:  gemeint sind wohl mehr oder weniger symmetrische Halbleiter-Begrenzerschaltungen) nicht wie eine Röhre?

Nun, die Röhre begrenzt nur die positive Halb­welle – sowohl am Gitter als auch an der Anode.  Da die Stufe in der Schaltung mit gemeinsamer Kathode invertiert ist, erhalten wir die Begrenzung beider Halb­wellen am Ausgang der Stufe.  Die Begrenzung der beiden Halb­wellen erfolgt jedoch an unter­schiedlichen Punkten der Ver­stärkungs­stufe (eine Halb­welle am Gitter, die zweite an der Anode). 

Diese Eigen­schaft macht die Röhrenver­zerrung angenehm klingend und musi­ka­lisch, da jeder Versuch, den Signal­weg an einem Punkt auf beiden Halb­wellen zu begrenzen, immer zu „Transistor­ness“ und „Schmutz“ im Klang führt. 

Daher kann kein Begrenzer, ob mit Dioden in der Gegen­kopp­lung oder im Hard­clip, dem Röhren­sound nahe genug kommen: symmetrisch oder asymme­trisch begrenzt er das Signal auf beiden Halb­wellen.  Skeptiker mögen ein­wenden: Zwei hinter­ein­ander­ge­schaltete Stufen mit Vakuum­trioden sorgen eben­falls für eine (gitter-)strom­basierte Begrenzung auf beiden Halb­wellen und bilden schließ­lich aus einem sinus­förmigen Signal eine Art beidseitig ab­ge­rundete Kurve (wört­lich: „Mäander“).  Aber die Signal­begrenzung erst über die eine und dann über die andere Halb­welle ist nicht dasselbe wie die gleich­zeitige Begrenzung beider Halb­wellen.  Das echte Gitarren­signal ist nicht sinus­förmig; eher vielgestaltig (wört­lich: es gibt viele davon).  Deshalb ist das Spektrum der Inter­modulations­ver­zerrungen, die durch die Trioden­kaskade geformt werden, so wohl­klingend – die unteren / tieferen der neu ent­stehenden Töne sind mit dem Haupt­ton konsonant.  Im Falle der gleich­zeitigen zwei­seitigen Begrenzung an Operations­verstärkern oder den Schaltungen mit diskreten Transistoren enthält das Spektrum der Inter­modulations­ver­zerrungen eine große Anzahl von nicht-musi­ka­lischen kombi­nierten Komponenten, die nicht mit dem Haupt­ton über­einstimmen, was als „Schmutz“ im Klang wahr­genommen wird.  Daher ist es lächer­lich, zu ver­suchen, den Klang von Be­grenzungs­stufen mit Operations­verstärkern mit Dioden in negativer Rück­kopplung durch die Ver­wendung einer unter­schiedlichen Anzahl von Dioden für die obere und untere Halb­welle „röhren­artig edel“ zu machen.  Dadurch werden bei der Ver­arbeitung von Einzel­tönen wahr­schein­lich ein paar gleich­mäßige Ober­töne erzeugt, aber wenn ein zweiter Ton im Signal auf­taucht, wird der Klang sofort ver­unreinigt. 

Um das oben Gesagte zu beweisen, wollen wir die Ausgangssignale der Tran­sis­toren (An­merkung Über­setzer:  „signals ranges at the output of the transistor“ – sind hier nicht die Aus­gangs­signale von Röhren gemeint?) in zwei Fällen ver­anschau­lichen: 

Eine Standard­trioden­stufe und eine Standard­stufe mit einer zu­sätz­lichen Vakuum­diode zwischen Gitter und Masse (zur beidseitigen Begrenzung am Gitter). 

Die Ein­gänge der Stufen werden mit einem Zweiton-Signal von 200 Hz (10 V) und 300 Hz (10 V) gespeist. 

SpektrumSpektrum

Doppelspektrum 1: Ausgangssignalspektren einer Standard­trioden­stufe (oben) und einer Standard­stufe mit zu­sätz­licher Vakuum­diode zwischen Gitter und Masse (unten).  (Anmerkung Über­setzer:  Abbildung generiert aus Oszilloskopen-Foto im Original­artikel)

Zunächst einmal ist der hohe Pegel der Differenz­frequenz 100 Hz ziem­lich auffällig (das ist es – die Leistung und Dichte der Röhre).  Der Pegel ist 10 dB höher als der der Stufe mit Zwei-Wege-Begrenzung am Gitter (unteres Spektro­gramm). 

Zweitens ist die Struk­tur der dominanten Töne im oberen Spektro­gramm viel struk­tu­rierter: Mit Aus­nahme der Signale bei 800 Hz und 1,3 kHz sind alle dominanten Töne die Summe der mit einer ganzen Zahl multi­plizierten Anfangs­töne. 

Unsere Ohren „lieben“ konsonantische Töne, daher ist es nicht ver­wunder­lich, dass ihnen das Spektrum in der unteren Ab­bil­dung viel unmusi­ka­lischer und „schmutziger“ vorkommt, weil seine Struk­tur viel schlechter ist. 

Es ist auch an­zu­merken, dass bei der Begrenzung einer einzelnen Sinus­kurve die Unter­schiede in den Spektren der oben genannten Stufen minimal sind. 

Noch schlimmer ist die Situation bei Begrenzern, die auf Operations­verstärkern basieren. 

Unten sehen Sie die Spektro­gramme der Signale, die am Ausgang einer invertierenden Operations­verstärkerstufe mit Begrenzung an der Betriebs­spannung (wört­lich: „feed limitation) und einer Stufe in Kathoden­schaltung auf­ge­zeichnet wurden.  Am Eingang wurden zwei Töne – 100 Hz und 200 Hz – ein­ge­speist (die Amplitude des Eingangs­signals wurde im Falle des Operations­verstärkers pro­por­tional verringert, um eine identische Be­grenzungs­schwelle der Stufe sicher­zu­stellen). 

SpektrumSpektrum

Doppelspektrum 2: Ausgangssignalspektren eines über­steuer­ten Operations­ver­stär­kers (oben) und einer Stufe in Kathodenschaltung (unten).  (Anmerkung Über­setzer:  Abbildung generiert aus Oszilloskopen-Foto im Original­artikel)

Ganz offen­sicht­lich ist die Dominanz der gesamten tonalen Ober­töne von 100 Hz und 200 Hz: 600 Hz, 1,2 kHz, 1,8 kHz usw.  in der unteren Ab­bil­dung (Begrenzer mit gemeinsamer Kathode), während sie im Spektrum des Begrenzers mit Operations­verstärker in der oberen Ab­bil­dung praktisch völlig fehlen.  Trotz der hohen Ordnung der Spektral­komponenten in der oberen Ab­bil­dung sind sie jedoch in Bezug auf den Gesamt­ton nicht konsonant und werden von uns als Rauschen oder „Schmutz“ wahr­genommen, der in die Eingang­stöne gemischt ist. 

Bei den von einer Gitarre erzeugten Ausgangs­tönen werden alle oben genannten Phänomene am intensivsten im Frequenz­bereich von 400 Hz bis 3 kHz wahr­genommen.  Im Falle von Röhren­begrenzern genießen wir daher die Schön­heit des Spektrums in diesem Bereich.  Bei zwei­seitigen Begrenzern neigen die Ent­wickler dazu, zumindest einen gewissen Wohl­klang zu erzeugen, indem sie die informativsten „Mitten“ voll­ständig heraus­schneiden und die tiefen Frequenzen anheben.  Es bleibt ihnen auch nichts anderes übrig (wört­lich: Es gibt jedoch keinen anderen Weg).  Sie können deut­lich sehen, dass der Pegel des Differenz­tons im Falle einer zwei­seitigen Begrenzung niedriger ist. 

Was sonst sollten sie mit einem Spektrum tun, das von Beginn an nicht mit dem resultierenden Ton über­einstimmt?

Leider wird die zwei­seitige Begrenzung, ab­ge­sehen von der Trioden­be­grenzung, von fast allen Be­grenzungs­stufen vor­ge­nommen, un­ab­hän­gig davon, ob sie auf Operations­verstärkern oder auf Schaltungen mit diskreten Transistoren basieren.  Das Ver­ständnis dieser Tat­sache ist der Schlüssel zur Erzielung eines „richtigen“ Röhren­klangs aus transistor­basierten Geräten. 

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Begrenzung einer Common-Source-Stufe mit ohmscher Last

Von allen Transistor­typen kommen die FETs mit ihren (den Pentoden­kenn­linien sehr ähn­lichen) Kenn­linien und mit einem hohen Wider­stand im Bereich des Gates den Röhren am nächsten. 

Der JFET (n-Kanal-Bau­element auf der Basis des p-n-Über­gangs) besteht eingangs­seitig aus einer Diode, die das Eingangs­signal von oben begrenzt.  Der Be­grenzungs­pegel ist gleich Up-n + US, mit

Up-n – Spannungs­abfall am Silizium-pn-Über­gang;
US – Source­spannung. 

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Abb. 4:   Common-Source-Stufe, die am Ausgang und am Eingang begrenzt ist. 

Das Problem des FET in der Schaltung mit Common-Source-Stufe und ohmscher Last besteht darin, dass er es „schafft“, die untere Halb­welle des Ausgangs­signals in gleicher Weise zu begrenzen wie die obere.  Dies geschieht übrigens schon, „bevor“ (d. h. schon bei kleineren positiven Eingangs­spannungen) das Signal am Eingang begrenzt wird (Abb. 4).  Wenn diese Begrenzung am Eingang einsetzt, ist der JFET bereits voll­ständig durch­lässig, und der gesamte Eingangs­strom mischt sich mit dem Strom durch den FET-Kanal.  Dieser Strom verändert leicht das Ausgangs­signal und bildet auf der unteren Halb­welle den so genannten „Rück­wärts­biss“ (An­merkung Über­setzer:  eine nach oben gerichtete Ein­stülpung der unteren Kante des ausgangs­seitigen Rechteck­signals).  Der Effekt kann etwas ab­ge­schwächt werden, indem man einen großen Wider­stand (0,4 … 1 MΩ) vor das Gate schaltet.  Aber diese Methode zur Ver­ringerung des „Bisses“ beseitigt nicht die ausgangs­seitige Signal­begrenzung der unteren Halb­welle.  Die FETs selbst können also nicht wie eine über­steuerte Triode klingen.  Dies gilt auch für alle Common-Source-Stufen, ein­schließ­lich der μ-Stufen.  Es sollte gesagt werden, dass Vakuum­pentoden aus dem gleichen Grund nicht in Gitarren­vor­ver­stär­kern ver­wendet wurden: da sie eine große Ver­stärkung haben, ver­halten sie sich wie eine Common-Source-Stufe und begrenzen das Signal am Ausgang der Stufe über beide Halb­wellen, was im All­ge­meinen ihre mangelnde Eignung beim Bau von Gitarren­vor­ver­stär­kern vor­bestimmt. 

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„Pseudo-Trioden“ FET-Begrenzung

Jetzt wissen wir, wie das Bild der Signal­begrenzung durch eine Trioden­stufe aussieht, und wir wissen auch, warum die FET-basierte Common-Source-Stufe nicht die richtige Begrenzung bietet.  Das Haupt­problem ist, dass der relative Pegel der Eingangs­be­grenzung der FET-Stufe viel höher ist (als bei der Röhre).  Lassen Sie uns ver­suchen, dieses Problem zu lösen. 

  • Wenn man sich das Ver­hält­nis zwischen der Betriebs­spannung einer Triode und dem Begrenzer­einsatz am Eingang (200 … 400 V / 1 … 3 V) vor Augen hält, sollte der FET mit der höchst­möglichen Betriebs­spannung betrieben werden.  Außer­dem müssen wir Bau­elemente mit niedriger Abschnür­spannung ver­wenden. 

  • Zweitens sollten wir zur Ver­ringerung des eingangs­seitigen Begrenzer­einsatzes eine Silizium­diode oder ein Schottky-Diode (Anmerkung Über­setzer:  hier wört­lich „silicon diode or Schottky diode“; später aber sinnvollerweise Ger­manium- oder Schottky­diode) ver­wenden, die parallel zum FET-Über­gang geschaltet wird. 

  • Drittens sollten wir für die Stufe eine Spannungs­verstärkung vorsehen, mit der die eingangs­seitig begrenzte positive Halb­welle, multi­pliziert mit dem Spannungs­verstärkungs­faktor KU der Stufe, nicht zu einer ausgangs­seitigen Begrenzung der unteren Halb­welle führt.  Dies lässt sich am ein­fachsten durch die Ein­führung eines zu­sätz­lichen Wider­stands in der Source erreichen. 

Die folgende Ab­bil­dung zeigt die FET-basierte Stufe, die alle diese Bedingungen erfüllt: 

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Abb. 5:  Common-Source-Stufe mit „Trioden“-Begrenzung. 

Die Be­sonder­heit der Stufe liegt in der Ver­wendung einer Diode mit geringem Spannungs­abfall in Durch­lass­richtung (Ger­manium oder Schottky). 

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Ein paar Worte über die Dynamik

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Es gibt eine weitere interessante Eigen­schaft der Transistoren (An­merkung Über­setzer:  „There is another interesting feature of the transistors“ – sind hier nicht eher die interessanten Eigenschaften von Röhren gemeint?), die von Gitarristen sehr geschätzt wird.  Das ist die so genannte „Röhren­dynamik“.  Aus der Sicht eines Gitarristen ist die Dynamik eine sehr spür­bare Ab­hän­gig­keit des Signals vom Ausgang des Ver­zerrers von der physi­ka­lischen Ein­wirkung auf die Saiten.  Natür­lich bietet sie zu­sätz­liche Mög­lich­keiten für die emotionale Färbung des Spiels. 

Betrachten wir die „Dynamik“ einmal aus der Sicht eines Ingenieurs. 

Aus der Sicht eines Ingenieurs ist die Röhren­dynamik die Ab­hän­gig­keit vom Pegel des Eingangs­signals in Bezug auf die drei Parameter:

  1. Signal­pegel

  2. Dichte des Spektrums

  3. Tast­ver­hält­nis der Begrenzung. 

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Signal­pegel

Der Pegel des begrenzten Signals am Ausgang der Röhren­stufe ist aus zwei Gründen vom Pegel des Eingangs­signals abhängig:  Zum einen steigt die untere Halb­welle des Ausgangs­signals an, da die Vakuum­diode am Eingang eine sehr weiche dynamische (Wider­stands-)­ab­hän­gig­keit von der an­geleg­ten Spannung auf­weist.  Darüber hinaus ist aber auch ein An­stieg des „oberen“ Teils des Aus­gangs­signals zu beobachten, der durch die Ver­schiebung des „unteren Arbeits­punkts“ unter dem Ein­fluss der großen Ein­gangs­amplitude ver­ursacht wird.  Die Er­höhung des (mittleren) Kathoden­potentials führt zu einer Ver­schiebung des unteren Arbeits­punktes sowie zu einer zu­sätz­lichen Er­hö­hung der oberen Halb­welle.  Dies geschieht auf­grund der Tat­sache, dass der Gitter­strom mit dem Anoden­strom ver­schmilzt.  Da beide durch den Kathoden­wider­stand fließen, erhöht der Spannungsabfall über ihm. 

(An­mer­kung: Die Wirkung dieser Komponente wird oft durch einen Kon­den­sa­tor im Kathoden­kreis des Transistors blockiert, daher ist es offen­sicht­lich, dass Kas­kaden mit und ohne Kathoden­kon­den­sa­tor (wörtlich: cathode shunt) nicht nur einen unter­schiedlichen dynamischen Ausgangs­wider­stand haben, sondern auch eine unter­schiedliche Dynamik – Stufen ohne Kathoden­kondensator haben eine etwas deut­licher aus­ge­prägte Dynamik). 

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Dichte des Spektrums

Bei Ver­zerrungen mit wenig Gain sorgt die aus­ge­prägte Ab­hän­gig­keit von Ausgangs­pegel, spektraler Dichte und ver­stärktem Eingangs­signal für das von Gitarristen so geschätzte Spiel­gefühl.  Schließ­lich spüren sie regel­recht, wie sie den Be­grenzungs­prozess kontrollieren. 

Natür­lich kann auch ein Operations­verstärker mit Dioden im Gegen­kopplungs­kreis eine gewisse „Dynamik“ erzeugen, aber in diesem Fall sollte man Silizium­dioden ver­wenden, die eine ziem­lich abrupte Änderung des dynamischen Wider­stands im Bereich von 0,4 … 0,6 V auf­weisen; diese Art von Dynamik zeigt sich in einem sehr engen Bereich, und es ist – gelinde gesagt – nicht ein­fach, sie zu nutzen.  Die Option, mit Operations­verstärkern Ver­zerrungen an der Ver­sorgungs­spannung zu erzeugen, ist völlig frei von jeglicher Art von Amplituden­dynamik:  In diesem Moment manifestiert sich die gesamte Dynamik nur in der Be­schrän­kung des Ver­zerrungs­spektrums in Ab­hän­gig­keit vom Eingangs­signal­pegel. 

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Tast­ver­hält­nis der Begrenzung

Und schließ­lich das Tast­ver­hält­nis.  Das Tast­ver­hält­nis ist im Wesent­lichen das Ver­hält­nis zwischen der „Breite“ der oberen und unteren Halb­wellen am Ausgang des Ver­zerrers.  Bei schwachen Signalen ist das Tast­ver­hält­nis nahe dem einer gleich­mäßigen Schwingung (wört­lich: eines Mäanders), aber mit zunehmendem Signal erhält das Spektrum mehr gleich­mäßige nieder­frequente Ober­töne, die die Ohren gut hören können.  Die Röhren­begrenzer haben auf­grund ihres mehr­stufigen Aufbaus eine stärker aus­ge­prägte Ab­hän­gig­keit des Tast­ver­hält­nisses vom Pegel des Eingangs­signals, und bei den High-Gain-Ver­zerrern tritt diese Komponente manchmal in den Vor­der­grund.  Schaltungen auf Basis von Operations­verstärkern weisen eine solche Ab­hän­gig­keit kaum auf, und selbst die Tricks in Form einer un­gleichen Anzahl von Dioden im Rück­kopplungs­kreis des Operations­verstärkers führen nicht zu einem röhrenähn­lichen Klang des Ver­zerrers, da die Änderungen des Tast­ver­hält­nisses unbedeutend sind. 

Die vor­geschlagene Pseudo-Trioden­stufe auf FET-Basis mit einer Strom­verteilung, die der einer echten Vakuum­triode ähnelt, verhält sich auch in Bezug auf die Dynamik ähn­lich – wir haben den gleichen gleich­mäßigen Anstieg des unteren Teils des Ausgangs­signals (diese Gleich­mäßigkeit ist auf die statische Kenn­linie des Ger­manium-Über­gangs zurück­zu­führen, der der statische Kenn­linie einer Vakuum­diode nahe kommt), wobei sich der Arbeits­punkt mit steigendem Eingangs­signal nach oben verschiebt, was uns genau das gleiche Ver­halten der Stufe wie das einer her­kömm­lichen Triode liefert.  Wenn Sie also mit einem Pseudo-Triode-Gerät spielen, erleben Sie in Bezug auf die Dynamik dasselbe Gefühl wie bei einem Röhren­vor­ver­stärker. 

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Fazit

Es ist schwierig, etwas zu schaffen, das absolut perfekt ist.  Deshalb ist die vor­geschlagene Stufe auch kein voll­ständiger Ersatz für die Röhre.  Ich möchte daran erinnern, dass bei der Ent­wicklung der Stufe der Schwer­punkt genau auf dem Be­grenzungs­ver­halten lag.  Das Ver­halten der Stufe im „linearen“ Bereich blieb fast völlig unbeachtet.  Aber auch hier gibt es eine sehr interessante Beobachtung – die gegen­seitige Kompen­sation der Nicht­linea­ri­täten der zu­sätz­lichen Diode und des Feld­effekt­transistors (der, gegen­über der 3 / 2 -Eingangs­kenn­linie der Röhren, eine qua­dra­tische Eingangs­kenn­linie hat), führt bei gründ­lichen Berechnungen letzt­lich zu einer teil­weisen Linea­ri­sie­rung im „linearen Bereich“ des JFETs und bringt das Ver­zerrungs­spektrum sehr nahe an das der Triode, und das auch ohne Begrenzungen. 

Wir lieben den röhren­basierten Sound und den Klang von Trioden­ver­zerrungen.  Eine Röhre ist ein bekannter und aus­ge­tretener Weg zur Wahr­heit, aber es ist nicht der einzige Weg.  Wir haben nie geglaubt, dass die oben be­schrie­benen Forschungen aus­schließ­lich vom Autor des Artikels durch­ge­führt wurden.  Uns sind einige Arbeiten bekannt, die sich mit der Emulation der Trioden­be­grenzung auf FET-Basis be­schäf­tigen.  Zum Beispiel die folgenden Patente: US-Patent 5,647,004 und US-Patent 5,619,578.  (An­merkung Über­setzer:  Es handelt sich um Patente der US-amerikanischen Firma Peavey, die als Transtube-Technologie bekannt wurden.)  Die Autoren der Patente hielten es eben­falls für not­wendig, die positive Halb­welle an der Eingangs- und Be­grenzungs­verstärkungs­stufe durch die Ein­führung eines zu­sätz­lichen Wider­stands in den Source zu begrenzen.  Gleich­zeitig ist jedoch an­zu­merken, dass der Grad der in diesen Patenten umgesetzten Eingangs­be­grenzung:

  1. wesent­lich von der Temperatur abhängig ist, was zu erheb­lichen Schwankungen der Ausgangs­signalamplitude führt (und im Falle der Begrenzung des Ausgangs­signals nach unten – zu einer erheb­lichen Ver­schlech­terung des Spektrums).  In unserer Lösung ist der Pegel der Eingangs­be­grenzung die Summe der „konstanten“ FET-Gate-Source-Spannung und des Spannungs­abfalls über dem Ger­manium-Über­gang, was den Be­grenzungs­pegel viel weniger empfind­lich gegen­über Temperatur­änderungen macht. 

  2. Wie bereits in den Patenten erwähnt, fließt im Falle einer Eingangs­über­lastung in dieser Stufe kein dem Gitter-Kathoden-Strom ver­gleich­barer Strom, wodurch die Arbeits­punkt­ver­schiebung in Ab­hän­gig­keit vom Pegel des Signals am Eingang der Stufe nicht zur Wirkung kommt.  De­ment­sprechend fehlt in diesem Fall die er­forder­liche „röhren­artige“ Dynamik. 

Die (von uns) vor­geschlagene Schaltung einer Ver­stärker­stufe unter­scheidet sich davon dahin­gehend, dass die Ab­leitung des Be­grenzungs­levels aus der Gate-Source-Spannung und der Durch­lass­spannung der Schottky-Diode mehr mit den Vor­gängen in der realen Vakuum­triode über­einstimmt als die ein­fache Begrenzung der positiven Halb­welle durch eine „geerdete“ Diode. 

Die (von uns) vor­geschlagene Schaltung einer Ver­stärker­stufe bildete die Grund­lage für die derzeit von AMT hergestellte LA-Serie.  Aber die Zeit schreitet voran und die Auswahl an Bau­teilen wird immer größer, so dass wir weiter­hin aktiv das „Phänomen“ des Röhren­klangs studieren und bessere Wege der Klang­emulation ent­wickeln.  Wir hoffen, dass AMT seinen Fans in naher Zukunft weitere innovative Ent­wicklungen anbieten kann. 

© AMT-Electronics (https://amtelectronics.com)
© Viktor Kempf, AMT-Electronics


Der englisch­sprachige Original­artikel wurde mit „Datums­stempel“ 28. 3. 2016 von der Internet­seite von AMT-Electronics herunter­ge­laden und findet sich aktuell unter dem Link https://media.amtelectronics.com/why-tube-like-cannot-measure-up-to-tube-inside/ .